Warum verschlimmert die Angst vor Giftködern oft die Gefahr für den eigenen Hund?
Von Helge Becker
Immer wieder gibt es grauenhafte Meldungen von Hunden, die qualvoll an den Folgen einer Vergiftung, Nägeln oder Rasierklingen in Ködern verstorben sind. Es ist eine grauenhafte Vorstellung und jeder Hundehalter kennt die Angst, dass so etwas dem eigenen Hund zustößt.
Nicht selten führt das zu Panik, zu Übervorsicht, zu starker Kontrolle und dazu, dass dem Hund alles strikt verboten wird, was am Boden liegt. Ich verstehe das absolut, ich wohne selbst in Köln, einer Großstadt, in der sehr viel Müll herumliegt und wo es auch immer wieder Meldungen über ausgelegte Köder aller Art gibt.
Und dennoch ist mein erster Rat, wenn es um das richtige Verhalten geht: Entspannung!
Es klingt gefährlich und es ist schwer, das weiß ich. Aber es ist gleichzeitig der wichtigste Schutz und ich erkläre dir gerne warum.
Warum Hunde überhaupt Dinge vom Boden fressen
Fressen ist ein absolutes Grundbedürfnis jedes Lebewesens. Ein Bedürfnis, das man nicht einfach unterdrücken kann, das sollte jedem klar sein. Speziell auf unsere Hunde gesehen ist insbesondere das Sammeln von unserem Müll auf den Straßen eine ureigene Verhaltensweise, die über Jahrtausende ihr Überleben bestimmt hat.
Wenn wir an den Ursprung und die Natur der Hunde denken, denken die meisten Menschen an den Wolf und damit an einen Jäger, der seine Beute stellt. Das stimmt, das ist der Vorfahr unserer Hunde – aber eben genau das: der Vorfahr. Die Lebensweise unserer Hunde unterscheidet sich sehr stark von der des Wolfes und damit auch seine Art der „Jagd“.
Hunde sind und waren Kulturfolger, das heißt, sie haben sich in ihrer Lebensweise dem Menschen angepasst. Sie folgten dem Menschen, da es in dessen Nähe immer genug zu fressen gab. Diese Lebensweise hat nicht nur ihr Verdauungssystem gegenüber dem des Wolfes verändert, sondern vor allem auch ihr Verhalten.
Sie können noch Beute machen, ja, und das schnelle Jagen steckt auch noch tief in ihnen drin, besonders bei denjenigen, die später wieder gezielt vom Menschen auf die Jagd gezüchtet wurden. Oft fehlt es ihnen aber an den komplexen Taktiken und der Kooperation mit ihren Artgenossen, um wirklich dauerhaft erfolgreich große Beute zu machen.
Das brauchen sie aber eben auch nicht, denn überspitzt ausgedrückt: Ihre ganz spezielle Art der Jagd ist das Jagen von menschlichen Nahrungsresten. Das sichert seit es Hunde gibt ihr Überleben.
Wenn man sich diese Geschichte vor Augen hält, dann wird einem auch schnell klar, warum ein simples „Nein“ selten reicht, um das Fressen vom Boden langanhaltend zu unterbinden.
Das eigentliche Problem: Stress
Stattdessen kann ein scharfes Nein, eine unbedachte Strafe oder ständiges Kontrollieren sogar genau das Gegenteil bewirken.
Das Problem ist:
Ein scharfes Nein verhindert das Fressen oft nicht. Es erzeugt vor allem Stress!
Und dieser Stress ist es, der gefährlich werden kann.
Die Geschichte meiner Hündin Nala
Dafür gibt es jetzt eine kleine Geschichte meiner Hündin Nala.
Nala kam als junger Hund zu mir, aber nicht als Welpe. Sie hatte bereits einige „Zuhause“ gehabt und dort auch Lernerfahrungen gemacht. Leider hat sie auch bereits beide gefährlichen Erfahrungen im Punkt Fressen gemacht. Sie hat gelernt, dass in der Nähe von Menschen Fressen gefährlich ist, dass Menschen ihr ihr Fressen abnehmen.
Natürlich hat das nicht dazu geführt, dass sie nichts mehr gefressen hat. Es hat dazu geführt, dass sie selbst zuhause Futter immer erst in einen anderen Raum bringen musste, um es zu fressen. Sie war nicht aggressiv am Futter, aber dieses Wegbringen ist ebenfalls eine Art der Ressourcenverteidigung.
Zuhause ist das eine kleine Marotte und scheinbar nicht weiter schlimm …
Draußen ist es aber etwas ganz anderes. Da ist das gefährlich. Draußen heißt das, dass sie Gefundenes gefressen hat, sodass ich nicht eingreifen konnte, wenn sie weit weg war oder wenn sie sich versteckt hat.
Prinzipiell will ich natürlich schon nicht, dass mein Hund außerhalb meiner Reichweite ist und erst recht nicht, dass sie sich versteckt. Im Punkt Futter kann ich so aber vor allem auch nicht mehr sehen, was sie frisst.
Wenn Stress gefährlich wird
Das war aber nicht das Schlimmste, was sie gelernt hat. Hunde sollten, wenn sie entspannt sind, ihr Futter untersuchen. Sie sollten von sich aus nichts fressen, was nicht auch essbar ist.
Das gilt zwar nicht hundertprozentig, nicht bei wilden Tieren und erst recht nicht bei unseren Hunden. Aber tendenziell sollte das so sein, wenn es sich um erkennbare Dinge handelt.
Wenn ihnen aber ständig alles verboten wird und sie in Stress geraten, dann fehlt ihnen die Zeit zu untersuchen, was sie fressen. Sie fressen dann so hektisch und schnell, damit ihnen das niemand wegnimmt, dass sie auch mal Plastik fressen oder andere ungenießbare Dinge.
So weit war es bei Nala zum Glück nicht. Sie war zwar extrem hektisch, aber Plastik hat sie nie gefressen. Ich hatte allerdings schon einige Hunde, sogar noch sehr junge Hunde, im Training, die genau das getan haben.
Wenn es so weit ist, dann ist in der Trainingsphase häufig Management nötig, zum Beispiel ein Maulkorb, damit sie nichts mehr aufnehmen können. Ohne diesen kommt man immer wieder in stressige Notsituationen, die das Verhalten erneut verstärken.
Was Entspannung verändern kann
Inzwischen ist Nala super entspannt beim Fressen. Sie freut sich sogar, wenn ich ihr beim Fressen zusehe, und frisst jetzt am liebsten in Gesellschaft. Und allein das hat die Situation schon enorm entspannt.
Auch draußen ist sie inzwischen total entspannt. Das schönste Erlebnis war, dass sie ein Brötchen gefunden hat und anstatt es schnell zu fressen, hat sie es mir gezeigt und vor die Füße geworfen, damit wir damit spielen konnten.
Das haben wir durch Entspannung erreicht, aber natürlich auch durch ganz viel freundliches Training. Heute hat sie keine Angst mehr, dass ich ihr ihr Fressen wegnehme und genau dadurch kann ich ihr ihr Essen jetzt ganz leicht wegnehmen.
Das eigentliche Ziel
Das Endziel ist natürlich nicht, dass sie das, was sie findet, draußen entspannt neben mir frisst. Leider kann auch der geschickteste Hund nicht alles Gefährliche und alles Giftige erkennen.
Sondern die Hunde sollen lernen, an Fressbarem vorbeizugehen und draußen nichts mehr zu fressen. Dazu ist noch einiges weiteres Training nötig, aufgebaut über Entspannung und Belohnung!
Es gibt Momente, in denen es richtig ist, seinem Hund „Nein“ zu sagen.
Das Anti-Giftköder-Training ist keiner dieser Momente!
Wenn du genau wissen willst, wie ein gutes Training aussehen kann, dann schau gerne bei meinem Webinar „Anti-Giftköder-Training – sicherer unterwegs mit deinem Hund“ vorbei!
07.06.2026
