Wie viel sollte ein Welpe eigentlich spielen?
Von Helge Becker
Diese Frage tauchte letztens in einer Diskussion auf. Ein Einwand war, dass viele Welpen heutzutage „überspielt“ sind.
Ich finde das eine interessante Überlegung. Ich kann auch absolut verstehen, wie man auf den Gedanken kommt. Und in Teilen stimme ich dabei auch zu. Es gibt viele überreizte Welpen, viele Welpen, die nicht zur Ruhe kommen, die grenzenlos und augenscheinlich überfordert sind.
Da kann sehr leicht der Eindruck entstehen, dass die Welpen überspielt sind.
Ich vermute dahinter aber etwas anderes und würde sogar die Gegenthese aufstellen: Welpen spielen heutzutage viel zu wenig!
Spielen Welpen heutzutage vielleicht sogar zu wenig?
Klingt bei den aufgeregten kleinen Quälgeistern fast unvorstellbar und ich bin ja selber jemand, der immer wieder darauf hinweist, wie viel Ruhe die kleinen Hunde eigentlich brauchen, dass man sie nicht überfordern soll und dass Spiel und Action nur ein kleiner Teil des Sozialverhaltens sind.
Dabei bleibe ich auch weiterhin. Viele Welpen heutzutage sind absolut überfordert von zu viel Action.
Jetzt kommt aber das, worauf ich hinauswill. Ist diese Action wirklich Spiel der Welpen?
Was bei vertrauten Sozialgruppen anders ist
Hundewelpen wachsen natürlicherweise in ihrem Sozialverband auf. Würde man sie lassen, wie bei Straßenhunden, dann wären sie ihre Jugend über zusammen mit ihren Geschwistern und eventuell auch noch anderen jungen Hunden und da würden sie spielen, und zwar viel!
Auch ich kenne es noch von früher, dass mein erster Welpe jeden Tag auf jedem Spaziergang zum Spielen mit anderen Hunden gekommen ist und natürlich auch jeden Tag mit mir gespielt hat.
Und weder die Straßenhunde noch mein Welpe früher waren damit überfordert. Sie sind dennoch zur Ruhe gekommen. Sie haben dennoch auch ganz viel anderes Sozialverhalten gezeigt.
Aber warum klappt das da und warum klappt das bei so vielen Hunden eben nicht?
Sicher, eins vorweg: Nicht jeder Hund ist gleich und manche Hunde sind von Natur aus leicht überreizt und überfordert und andere eben nicht.
Dennoch gibt es einen ganz großen Unterschied, den die Straßenhunde und auch mein Welpe in ihrem Alltag haben. Sie können immer wieder mit den gleichen Hunden spielen und die meiste Zeit sind sowohl erwachsene Hunde als auch Welpen mit dabei.
Soziale Interaktion ist Höchstleistung
Soziale Interaktion – und vor allem Spiel – ist eine der kompliziertesten, forderndsten und anstrengendsten Tätigkeiten, denen ein Lebewesen nachgehen kann. Das gilt übrigens für Hund und Mensch gleichermaßen. Während sozialer Interaktion passieren so viele Dinge auf so vielen Ebenen: in der Mimik, in der Körpersprache, im Miteinander, im Geruch – und das alles eingeordnet in die ständig wechselnde Umwelt. Das ist Höchstleistung.
Und gerade wenn es dann auch noch um Spiel geht, dann passiert das alles noch im unglaublichen Tempo mit Verhaltensweisen aus Kampf- und Jagdverhalten. Aus Sicht eines kleinen Welpen kann das auch ganz schön bedrohlich sein.
Hunde brauchen Freundschaften
Um sich dabei frei entfalten zu können, um Regeln lernen zu können, um auch die feine Kommunikation lernen zu können, braucht es einen vertrauten Rahmen. Einen Rahmen, in dem die Hunde sich gegenseitig kennen und einschätzen können. Hunde und gerade Welpen brauchen Freundschaften, um sich entfalten zu können.
Solche Freundschaften entstehen nicht innerhalb von ein paar Minuten, in denen man auf der Hundewiese steht. Sie entstehen auch nicht, wenn man sich nur einmal alle paar Wochen trifft. Sie entstehen, wenn man sich regelmäßig sieht und Zeit miteinander verbringt, im Spiel, aber eben auch außerhalb des Spiels in anderen Interaktionen miteinander oder nebeneinander.
Mit meinem ersten Welpen bin ich jeden Morgen mit nahezu denselben Hunden spazieren gewesen. Es war eine soziale Gruppe mit unterschiedlichen Charakteren und unterschiedlichen Altersklassen, aber eben immer dieselbe Gruppe. Sie kannten sich. Da war nicht immer alles harmonisch und sicher gab es da Dinge, die ich heutzutage so nicht stehen lassen würde, und auch Dinge, aus denen Probleme entstanden sind. Und dennoch: Sie kannten sich und konnten Beziehungen knüpfen und zusammenwachsen. Natürlich haben wir auch andere Hunde getroffen und es gab einige wechselnde Parts. Auch das ist wichtig.
Was sich im Alltag verändert hat
Ich bin ein großer Freund von Hundeetikette und davon, dass nicht jeder Hund kontakten soll! Hunde sollen nicht ungefragt kontakten etc.
Leider sehe ich heutzutage oft, dass Hunde falsch kontakten. Ich sehe selten Hunde, die gemeinsam spazieren gehen, ich sehe selten Gruppen von Hunden gemischten Alters, die die Möglichkeit haben, wirklich viel Zeit miteinander zu verbringen.
Was ich stattdessen sehe, sind Hunde, die sich kurz auf der Hundewiese treffen, ein paar Minuten wild toben und sich, wenn sie „ausgepowert“ sind, wieder trennen. Dabei treffen die Hunde oft in ständig wechselnden Konstellationen aufeinander. Sie treffen jeden Tag andere Hunde.
Auch meine Kund:innen berichten mir oft, dass sie außerhalb der Hundeschule kaum regelmäßige Kontakte haben, dass es diese Gruppen so kaum noch gibt. Ihre Hunde haben keine festen Freunde mehr.
Bekannte andere Welpen sehen sie dann nur einmal die Woche in der Welpengruppe und aus ein paar Minuten einmal die Woche entsteht zwar eine gewisse Vertrautheit, aber es ist eben nicht das Gleiche wie lange regelmäßige Kontakte.
Überfordert statt überspielt
Mein Fazit ist also, dass Welpen heutzutage nicht überspielt sind, denn eigentlich sind sie gar nicht im Spiel. Sie sind oft einfach im Stressverhalten, weil sie durch die Umstände der ständigen Wechsel nur oberflächliche Lösungsstrategien entwickeln können im Kontakt. Sie sind also überfordert.
Richtiges Spiel mit Freunden ist etwas anderes: In so einem Spiel können sie lernen, mit Erregung umzugehen, hochzudrehen, aber auch wieder runterzufahren. Von diesem echten Spiel haben sie aber viel zu wenig, daher sind viele Welpen, so wie ich das sehe, eigentlich unterspielt.
Raum für echte Hundefreundschaften
Aus diesem Grund habe ich auch den Puppy Walk als Angebot mit aufgenommen, in dem wir wirklich wöchentlich einfach spazieren gehen. Dort können die Welpen wirklich nochmal ausgiebig Zeit miteinander verbringen und sich kennenlernen. Ich möchte auch in meiner offenen Sozialkontaktgruppe in Zukunft eine schöne Gruppe etablieren, die gemeinsam auch nach der Welpenzeit weiterwachsen und Kontakt halten kann, sodass junge Hunde wieder die Möglichkeit haben, Freundschaften zu pflegen.
Wie seht ihr das? Was ist euer Eindruck von Welpen heutzutage oder wie viele Hundefreunde hat euer Hund und wie oft hat er die Möglichkeit, sie zu treffen?
Hier würde mich auch besonders die Erfahrung anderer Hundetrainer*innen und Hundebetreuer*innen interessieren, also schreib super gerne einen Kommentar!
04.09.2026
