Zucht oder nur Adoption aus dem Tierschutz?
Im ersten Teil meiner ethischen Auseinandersetzung mit der Hundehaltung habe ich erklärt, warum meiner Ansicht nach Hundehaltung wenn sie auf Partnerschaft basiert nicht als Ausbeutung zählt.
Als Nächstes gibt es auch das Argument, Zucht ist schlecht und nur das Adoptieren aus dem Tierschutz kann vegan sein. Der Ursprung dieses Arguments ist eigentlich auch, dass das Halten von Tieren prinzipiell nicht vegan ist und daher kein Tier zu diesem Zweck ins Leben geholt werden sollte und daher nur das „Retten“ von Tieren vegan sein kann, da diese als notwendiges Übel akzeptiert wird, da diese Tiere ja schon da sind.
Dass diese Grundlage meiner Meinung nach nicht zutreffend ist, lässt diese Argumentation für mich bereits wegfallen. Trotzdem macht es absolut Sinn, die beiden Arten der Adoption mal zu vergleichen.
Vorab sage ich erstmal: Ich bin absolut ein Befürworter des Adoptierens eines Hundes aus dem Tierheim oder Tierschutz. Das schreibe ich zunächst, weil einiges, was ich gleich schreibe, vermuten lassen könnte, dass dem nicht so ist. Ich möchte aber lediglich die oft einseitige Betrachtungsweise der Thematik mal etwas anders beleuchten.
Vorwürfe an Zucht sind:
- Qualzucht
- Profitgier und dadurch Ausbeutung
- schlechte Haltungsbedingungen
- die Welpen werden der Mutter entrissen und dadurch beide Seiten traumatisiert
- sorgen für Überpopulation und damit für überfüllte Tierheime
Diese Vorwürfe machen alle Sinn! Sie machen aber vor allem für Vermehrer Sinn. Dabei meine ich mit Vermehrern nicht nur Züchter ohne Lizenz, sondern eben Züchter, die ihren Job nicht gut machen und wirklich entweder auf Profit aus sind oder einfach nicht qualifiziert sind.
Qualzuchten sollten von guten und moralischen Züchtern nicht gezüchtet werden.
Eine gute Zucht ist sehr aufwändig. Es beginnt bereits damit, dass Wissen über Genetik da sein muss, damit die richtigen Elterntiere ausgesucht werden.
Dann sollte eine Hündin nicht zu häufig Welpen haben, da sie das körperlich und psychisch belasten würde.
Und dann kommt es auf die Haltungsbedingungen an: Eine gute Frühsozialisierung ist Gold wert für den Hund und für seine späteren Menschen. Hier wird bereits ein Grundstein gelegt, wie gut die Hunde später mit ihrer Umwelt klarkommen, wie stressresistent sie sind und wie gesund.
Je besser es bereits der Mutter geht und je besser es den Welpen geht und sie gefordert werden, desto besser sind sie für ihr späteres Leben vorbereitet. Daher sind gute Haltungsbedingungen ein Muss für eine gute Zucht.
Auch der richtige Zeitpunkt des Auszugs der Welpen spielt dabei eine große Rolle. Im Idealfall sollten die Welpen erst abgegeben werden, wenn die Mutter die Pflege bereits von sich aus einstellt; dann haben die Welpen alles Nötige von ihr gelernt und dann ist die Trennung auch nicht mehr problematisch. Auch wie die Halter auf den Umzug vorbereitet werden, ist wichtig. Sie sollten die Welpen vorher kennen und auch die Welpen sollten mit ihnen bereits vertraut sein; dann fällt ihnen auch der soziale Rückhalt nicht einfach komplett weg.
Achten Züchter auf all das und noch mehr, dann sorgen sie dafür, dass die Hundepopulation im Ganzen besser an unsere Welt angepasst ist und sorgen damit auch dafür, dass es den Hunden besser geht und sie gesünder sind.
All der Aufwand kostet Zeit und kostet Geld. Es gibt sicher leichtere Wege, reich zu werden, als diesen. Daher ist bei solchen Züchtern die Profitgier wohl zweitrangig. Die Welpen sind dann zwar teuer, aber das deckt oft trotzdem nur knapp den Aufwand.
Es liegt in der Natur der Sache, dass glückliche Tiere eine gute Zucht ausmachen und die „besten“ Welpen hervorbringen.
Ich gebe zu: Eine solche Zucht gibt es leider viel zu selten, und es gibt viel zu viele schwarze Schafe unter Hundezüchtern.
Wenn sich eine Zucht aber so verhält, dann sehe ich hier kein Problem mit dem Tierwohl, und dann ist es für mich auch mit dem Veganismus vereinbar, da die Tiere hier nicht leiden. Solche Zuchten führen auch nicht dazu, dass die Tierheime voller werden; solche Zuchten achten sehr stark darauf, wohin ihre Tiere vermittelt werden, dass diese Plätze wirklich passen. Und wenn doch einmal etwas schiefgeht und die Tiere nicht in ihrem neuen Zuhause bleiben können, dann nehmen sie die Tiere auch zurück. Das ist sogar meist Teil des Kaufvertrages, dass die Tiere nicht woandershin abgegeben werden dürfen als zum Züchter selbst.
Adoptieren aus dem Tierschutz und Tierheim
Jetzt aber zum Adoptieren aus dem Tierschutz und Tierheim.
Ja, es ist toll, einem Tier, das Hilfe benötigt, ein Zuhause zu geben! Wenn man die Möglichkeit hat, dann sollte man dies stets in Erwägung ziehen!
Dafür möchte ich aber das mit der Möglichkeit erstmal genauer erörtern. Es sollte nämlich nicht heißen: Adoption um jeden Preis. Die Dinge, die ich vorher genannt habe beim Züchter, sind hier oft nicht gegeben. Eine gute Frühsozialisierung auf ihr späteres Lebensumfeld in einer Wohnung, einem Haus, einer Stadt – das ist bei Straßenhunden zum Beispiel oft nicht gegeben. Eine stressfrei ablaufende Schwangerschaft und Geburt ist ebenfalls oft nicht gegeben. Das macht Hunde von der Straße, von der Tötungsstation etc. stressanfälliger und weniger an unsere Umgebung angepasst. Am schwierigsten haben es oft die Hunde, die im Tierheim geboren werden oder kurz nach der Geburt eingefangen werden und als „unbeschriebenes Blatt“ vermittelt werden. Diese erfahren oft ein traumatisches Erlebnis im Mutterleib oder in ihrer frühesten Entwicklungsphase, indem sie aus ihrem natürlichen Umfeld gerissen werden und dann im neuen Umfeld Tierheim landen. Das allein hinterlässt Spuren im Verhalten und in der Gesundheit.
Daher ist diese Praktik für mich auch unverständlich. Wenn die Mutter auf der Straße lebt und dort ein „normales“ Leben führt, ohne dass sie misshandelt wird oder krank ist, dann ist es für die Welpen wesentlich sinnvoller, dort zur Welt zu kommen und dort ihre ersten Wochen zu verbringen, denn dort kennt sich die Mutter aus, dort lernen sie auch etwas kennen. Sie haben die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen, und das ist wichtig, auch wenn diese nicht immer nur gut sind. Ein paar schlechte Erfahrungen lassen sich sehr viel leichter auffangen als gar keine Erfahrungen mit Straßenverkehr, mit Menschen und der Welt zu haben. Wenn sie diese Zeit überstanden haben, dann können sie und die Mutter noch immer gefangen und vermittelt werden.
Diese Vorgeschichte macht sie weniger angepasst an das Leben als Familienhund, und somit geht ihre Haltung auch oft mit anderem Aufwand einher. Daher sollte man, wenn man Hunde mit Vorgeschichte und anderer Genetik adoptiert, darauf vorbereitet sein und sich dem auch gewachsen fühlen, sonst passiert es leicht, dass eine solche Adoption schiefgeht und dann ein weiterer Platz im Tierheim vergeben wird.
Dann bleibe ich mal bei den Straßenhunden: Ein Großteil der Hunde auf der Welt sind aus unserer Sicht Straßenhunde, und ein Großteil davon ist tatsächlich glücklich. Sie sind eben über Generationen an dieses Leben angepasst, sie kennen es oft von klein auf, und ein Leben in einer Wohnung ist oft gar nicht das, was sie wollen. Werden diese Hunde eingefangen und zu uns gebracht, ohne dass sie in Gefahr sind oder krank sind oder Ähnliches, dann tut man ihnen oft keinen Gefallen. Es gibt auch Studien, die darauf hinweisen, dass viele Hunde aus dem Tierschutz ein Leben lang erhöhte Stresswerte im Blut zeigen – die sie auf der Straße nicht zeigen würden.
Im Übrigen haben auch viele Straßenhunde menschliche Bezugspersonen, die sie versorgen und sich um sie kümmern. Das zählt nur aus unserer Sicht nicht als Familienhund.
Es muss also sehr darauf geachtet werden, dass die richtigen Hunde von der Straße geholt und vermittelt werden – die, die das brauchen und auch wollen. Sonst fügt man den Hunden eigentlich unnötiges Leid zu mit einer Adoption.
Es gibt viele dieser Hunde, die wirklich ein Zuhause brauchen und sich darüber freuen – zum Beispiel auch, weil sie verletzt sind oder weil sie in ihrer Gegend nicht mehr akzeptiert werden und ohne Adoption getötet werden würden.
Wichtiger als die Adoption ist in vielen Regionen aber die Aufklärung, die medizinische Versorgung der Hunde und deren Kastration.
Leider gibt es auch unter den Tierschutzvereinen viele schwarze Schafe, die nicht darauf achten, welcher Hund vermittelt wird, ob dieser von der Straße geholt werden sollte oder auch an wen er vermittelt wird, und dann endet dies für den Hund oft nicht wirklich schön und für die Menschen, die dazugehören, auch nicht.
Tatsächlich ist hier auch ein großes Geschäft zu machen. Es gibt auch im Ausland Vermehrer, die dann ihre Hunde als Tierschutz- und Straßenhunde nach Deutschland verkaufen, oder es werden absichtlich Hunde nicht kastriert, damit sie auf der Straße sich weiter vermehren und dann durch das Einfangen der Welpen wieder Geld verdient wird. Tatsächlich führt das wahllose Einfangen ohne Kastration sogar zu einem Populationsanstieg unter den Straßenhunden.
Würde das Phänomen Straßenhunde wirklich wirkungsvoll durch Kastration und Kontrolle bekämpft werden, dann gäbe es schon lange kein solches Problem mehr in vielen Regionen.
Nicht jeder Straßenhund braucht eine Couch, und nicht jeder Straßenhund will eine Couch.
Deshalb bin ich weiterhin für das Adoptieren von Straßenhunden, und ich bin für das Adoptieren von Hunden aus dem Ausland! Es muss aber gut überlegt sein, und man sollte sich vorab viel über den Verein informieren, wo man den Hund herholt. Es ist schon immer ein gutes Zeichen, wenn man den Hund vorher hier in einer Pflegestelle kennenlernen kann, aber das ist kein Muss! Es gibt Vereine, die eine wundervolle und tolle Arbeit machen, und bei denen möchte ich mich sehr bedanken!
Auch das alles bitte nicht falsch verstehen: Es gibt auch Hunde, die hervorragend hier bei uns zurechtkommen und glücklich sind! Ich möchte hier einfach nur auch mal auf die andere Seite hinweisen, dass es diese einfach auch gibt und diese teils zu wenig Beachtung bekommt – und deshalb auch diese Menschen, die nicht das Tierwohl im Sinn haben, weitermachen können und darunter Tiere und Menschen leiden.
Jetzt kommt aber natürlich nicht jeder Tierschutzhund aus dem Ausland. Oft sitzen auch Hunde aus Deutschland in Tierheimen oder Pflegestellen. Die haben nicht die Straßenhund-Problematiken. Diese sitzen dort aus den unterschiedlichsten Gründen. Auch diese haben Vorgeschichten und manchmal Verhaltensweisen, die eine Haltung schwieriger machen. Das muss aber nicht sein; manchmal sind sie auch dort, weil die Halter erkrankt sind oder Ähnliches. Das ist ganz individuell, und diese kann man meist auch erstmal kennenlernen vor der Adoption. Auch hier sollte man wissen, worauf man sich einlässt. Dann bin ich aber immer für eine solche Adoption.
Ein großer Vorteil von Adoption ist im Übrigen, dass man erwachsene Hunde adoptieren kann. Das ist bei Züchtern meist nicht der Fall. Bei erwachsenen Hunden kann man wunderbar bereits sehr gut den Charakter erkennen, man weiß, worauf man sich die nächsten Jahre einlässt, und hat wesentlich weniger Arbeit mit der frühen Sozialisierung. Ich bin ein großer Fan – gerade für Anfänger –, sich einen Hund zu holen, der bereits ausgewachsen ist und einen gefestigten Charakter hat, da die Welpen- und Junghundezeit doch sehr herausfordernd sein kann.
Fazit des Ganzen:
Ich bin absolut ein Fan von Adoption, wenn man diese verantwortungsvoll macht. Sich vergewissert, dass der Verein, zu dem man geht, moralisch gut arbeitet und man auch dazu bereit und in der Lage ist, sich dieser Aufgabe zu stellen.
Und dennoch bin ich auch der Meinung, dass eine Anschaffung von einem Züchter, wenn dieser gut arbeitet und das Tierwohl im Blick hat, eben auch moralisch gut sein kann und damit auch mit dem Veganismus vereinbar ist. Es heißt in beiden Fällen: Die Entscheidung muss sorgfältig überlegt werden und eine verantwortungsvolle Entscheidung getroffen werden.
Die Arbeit guter Züchter trägt außerdem dazu bei, dass die Hundepopulation insgesamt besser an die Lebensbedingungen angepasst ist. Genauso wie Straßenhunde von ihren Anlagen her über Generationen an ein Leben auf der Straße angepasst sind, sollten Hunde vom Züchter schon in ihren Anlagen an ein Leben in unserem Wohnzimmer angepasst sein. Zucht kann also auch zukünftigen Generationen von Hunden allgemein helfen.
04.10.2025
